Einführung

Liebe Leserin, lieber Leser,

möglicherweise ist Ihnen in jüngster Zeit der Begriff Hochbegabung begegnet, ohne dass er konkret erklärt wurde. Von Hochbegabung spricht die Wissenschaft im Allgemeinen dann, wenn der Intelligenzquotient (IQ) eines Menschen sehr weit über dem Durchschnitt von 100 liegt. Zwei bis drei Prozent eines Jahrganges erreichen IQ-Werte von 130 und mehr. Es gibt Hochbegabungen, die sich auf einzelne Gebiete wie Logik, Merkfähigkeit, Musikalität usw. beschränken oder auf alle Gebiete gleichzeitig.

Das Problem: Eine hohes Intelligenz-Potenzial allein reicht nicht aus um Höchstleistungen zu zeigen. Wie bei einem Sporttalent, das nur durch regelmäßiges Training Spitzenleistungen erreicht, muss auch ein intellektuell hochbegabter Mensch Chancen haben, sein Potenzial zu entfalten und weiterzuentwickeln. Andernfalls droht es nicht nur zu verkümmern, sondern bei anhaltender Nichtförderung besteht sogar die Gefahr, dass sich durch permanente Unterforderung Langeweile und Frust einstellen, die in Depressionen münden oder als Aggressionen zum Ausbruch kommen können.

Trotz vielfältiger Bemühungen um eine Verbesserung der Situation gibt es auch im Landkreis Harz Beispiele, wo hochbegabten Kindern auf diese Weise Entwicklungschancen genommen werden.
Gemeinsam mit Verantwortungsträgern aus Wissenschaft, Verwaltung, Politik und Wirtschaft hat unser Verein begonnen, daran etwas zu ändern. Wie das geschieht und was noch getan werden muss, möchten wir Ihnen auf unseren Seiten erklären.

Wir würden uns freuen, wenn Sie sich ein wenig Zeit für dieses wichtige Thema nehmen.

Hochbegabung erkennen

Folgende Verhaltensweisen und Merkmale (abgeleitet aus langjähri­gen Erfahrungen) können bei hochbegabten Kindern auftreten:

  • großer Wortschatz und Gebrauch ungewöhnlicher Wörter
  • gutes Gedächtnis für Gedichte, Formulierungen, Lieder und Ereignisse
  • wissbegierig, löchern Eltern mit Fragen
  • wollen genau wissen, wie etwas funktioniert
  • ausgeprägtes Rechtsempfinden
  • lassen sich nicht mit fadenscheinigen Antworten abspeisen
  • hohes Allgemeinwissen, wirken „altklug“
  • eignen sich Wissen selbstständig an
  • können oftmals bereits vor der Schule lesen bzw. interessieren sich für Buchstaben und Zahlen
  • denken „um die Ecke“ und werden deshalb von Anderen oft nicht verstanden
  • sind „Träumer“ und überraschen ihre Umwelt mit originellen Vorschlägen, Plänen und Lösungen
  • können früh rechts von links unterscheiden
  • führen mechanische Tätigkeiten, bei denen man nicht nachdenken muss, lustlos oder gar nicht aus (z.B. Anziehen / Essen)
  • zeigen außergewöhnliche Fertigkeiten im Umgang mit Konstruktionsspielen
  • können sich mit einem bestimmten Interessengebiet (Wissensbereich, Sammeln, musische Tätigkeit) über lange Zeit konzentriert beschäftigen
  • sammeln ungewöhnliche Dinge und eignen sich über sie ungewöhnliches Spezialwissen an
  • sind für „schöne“ Dinge wie Musik oder Farben besonders empfänglich
  • kennen und benennen geometrische Figuren
  • gutes Ortsgedächtnis / Orientierungssinn
  • außergewöhnliche Beobachtungsgabe

Verwechslungsgefahr mit ADS/ADHS!

Mehrere dieser Merkmale, etwa ausgeprägte Aktivität oder Impulsivität können auch auf Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS bzw. ADS) zutreffen. Da auch Kinderärzte und Kinderpsychologen oft keine Erfahrungen mit Hochbegabung besitzen, treten immer wieder Verwechslungen auf. Fatalerweise erhalten hochbegabte Kinder dann statt einer Förderung Medikamente und Therapie. Das wollen wir verhindern! Mit einer Diagnose durch einen in Hochbegabung erfahrenen Kinderpsychologen wird der Verwechslungsgefahr begegnet. Wir nennen Ihnen entsprechende Ansprechpartner.

Förderung – aber wie?

Das Wichtigste: Hochbegabte Kinder müssen möglichst frühzeitig erkannt werden, denn auch hier wie für jede Art von Förderung gilt; je früher, desto besser. Unser Verein tritt deshalb für eine breite Aufklärung von Eltern und Fortbildung von Erziehern und Lehrern ein, um so die Früherkennung im Vorschul- und Grundschulalter zu verbessern. Unser Ziel: Kein hochbegabtes Kind darf ungefördert bleiben!

In der Förderung hochbegabter Kinder unterscheidet man zwei Grundformen; Beschleunigung (Aczelleration) und Anreicherung (Enrichment).
Zur Beschleunigung gehören beispielsweise das vorzeitige Einschulen, das Überspringen von Klassen oder die Teilnahme an bestimmten Fachstunden in höheren Klassen. Ebenso können betroffene Kinder durch die Anreicherung des normalen Lernstoffs mit anspruchsvolleren Aufgaben und durch Vertiefung von Themen gefördert werden.

Folgen mangelnder Förderung

  • Hochbegabte Kinder werden oftmals nicht oder erst sehr spät erkannt. Das ist das Hauptproblem.

Viele Kinder verstecken ihre Fähigkeiten und versu­chen, sich ihren Altersgenossen anzupassen, um nicht aufzufallen. Die Folge sind zuerst Langeweile und Un­terforderung.
Stellen Sie sich vor: Sie selbst könnten bereits fließend lesen und müssten monatelang seiten­weise einzelne Buchstaben schreiben. Wie lange wohl könnte sich selbst ein Erwachsener dazu motivieren? Wie lange würde es dauern, bis ein wissbegieriges Kind seine eigene Neugierde so weit unterdrückt hat, bis es das Lernen „verlernt” hat?

  • Hochbegabte Kinder finden kaum Freunde in ihrem Alter, die „auf gleicher Wellenlänge” liegen wie sie. Damit drohen ihnen oftmals Einsamkeit und Isolation.
  • Die daraus entstehende anhaltende Frustration kann zu Verhaltensauffälligkeiten (z.B. Depressionen bei Mädchen oder Agressionen bzw. die Entwicklung zum Klassenclown vor allem bei Jungen) führen.

Irgendwann stellen hochbegabte Kinder fest, dass sie anders sind als die große Mehrheit ihrer Altersgenos­sen. Die „Schuld“ dafür suchen sie (bewusst oder unbewusst) bei sich selbst. Ihr Selbstvertrauen verküm­mert. Nicht selten fügen sie sich selbst Verletzungen zu, weil sie mit der Situation nicht umgehen können.

  • Mit diesem Gefühl verbunden ist meist ein deutlicher Leistungsabfall in der Schule, der nicht selten zur Totalverweigerung und zum vorzeitigen Abbruch der Schule führt. Denkbar schlechte Bedingungen für den Start einer beruflichen Karriere.
  • So können sich die besonderen Fähigkeiten eines Kin­des bei ausbleibender Förderung gegen das Kind selbst wen­den. Angesichts des Potenzials, über das diese Kinder von Natur aus verfügen, kann man das ohne Übertrei­bung tragisch nennen.

Wie erleben hochbegabte Kinder den Schulalltag?

Jonathan ist 13 Jahre alt und wohnt mit seinen Eltern und seinen Geschwistern in einem Dorf im Harzkreis. Als vor fünf Jahren bei ihm eine Hochbegabung festgestellt wurde, durfte er von der zweiten in die vierte Klasse wechseln. Jetzt besucht er die 9. Klasse eines Gymnasiums. Für uns hat er ein paar Fragen beantwortet.

Frage: Jonathan, was war der Anlass dafür, eine Klasse zu überspringen?

Jonathan: Meiner Klassenlehrerin fiel in der zweiten Klasse auf, dass ich immer unaufmerksamer und unkonzentrierter wurde. Meine Schulnoten fielen stark ab, weil ich oft unterfordert war und mich langweilte. Meine Eltern haben daraufhin einen Intelligenztest im Regionalen Förderzentrum Wernigerode veranlasst. Der ergab eine Hochbegabung mit einem IQ von 138 im mathematischen-logischen und 148 im sprachlichen Bereich.

Hattest Du damit gerechnet?

Nein, ich war sehr überrascht. Von meinen Eltern weiß ich zwar, dass ich mich schon vor der Einschulung für Buchstaben interessiert habe und rechnen konnte. Ansonsten aber hatte ich eine ganz normale Kindheit, habe mit Freunden gespielt und bin seit neun Jahren im Skiverein.

Wie ging es nach dem Klassen-Überspringen weiter?

Als ich nach der zweiten Klasse in die vierte gewechselt bin, hat mich der Unterricht wieder mehr interessiert, meine Zensuren wurden deutlich besser. Damit schaffte ich es auch zum Gymnasium. Allerdings kam dort nach einiger Zeit die Langeweile wieder. Wenn ich Dinge, die mich wenig interessieren, das zweite oder dritte Mal höre, schaue ich lieber aus dem Fenster. Dadurch entgeht mir natürlich manches. Außerdem melde ich mich bei einfachen Aufgaben selten, und meine Zensuren sind auch deshalb relativ schlecht. Manchmal hatte ich schon morgens beim Gedanken an den Unterricht einen solchen Horror, dass ich nicht rechtzeitig aus dem Schulbus ausgestiegen bin, sondern einige Stationen weitergefahren bin. Das mache ich jetzt nicht mehr. Es ist ja nicht besser, sich in der Stadt zu langweilen als in der Schule.

Könnten Dir Deine Lehrer vielleicht spezielle Aufgaben geben?

Das machen einige Lehrer schon. In Chemie und Geschichte bekomme ich öfters Kurzvorträge. So etwas mache ich gern, weil ich dann mir selbst etwas Neues erarbeiten muss. Aber der Chemielehrer hat mir gesagt, er muss sich um 27 Schüler kümmern und kann nicht mir immerzu Kurzvorträge aufgeben. Schwer fallen mir Aufgaben, die ich sinnlos finde, zum Beispiel das Bundeskabinett oder sämtliche Landesregierungen auswendig lernen.

Es gäbe die Möglichkeit, an Korrespondenzzirkeln teilzunehmen.

Das habe ich. Meine Eltern haben da immer ein bisschen gedrängelt, damit ich mein Potenzial nicht brachliegen lasse. Aber mich nach einem langen Schultag nochmal hinzusetzen und neben den Hausaufgaben Zusatzaufgaben zu lösen, dazu fehlte mir irgendwann die Motivation. Korrespondenzzirkel können einen langweiligen Schultag auch nicht ausgleichen.

Du bist jetzt in der 9. Klasse, bis zum Abitur wären es noch dreieinhalb Jahre. Meinst Du, Du kannst Dich dafür motivieren?

Ich würde gern auf das Landesgymnasium Pforta bei Naumburg wechseln. Leider wurde ich im vergangenen Jahr dort nicht angenommen, obwohl ich den Aufnahmetest bestanden habe.

Was war dann der Grund für die Ablehnung?

Neben dem Testergebnis sind für eine Aufnahme die Zeugnisnoten der Heimatschule ausschlaggebend, und die haben mich heruntergezogen. Das finde ich ungerecht. Immerhin hat man bei der Aufnahme jetzt die Gewichtung zwischen Testergebnis und Schulnoten verändert. Nach diesem Schuljahr hätte ich bei einem zweiten Versuch bessere Chancen.

Motiviert Dich die Aussicht auf anspruchsvollere Aufgaben in Pforta?

Ja. Ich weiß, dass ich in diesem Schuljahr unbedingt bessere Noten brauche, damit ich auf diese Schule kommen kann. Ich will unbedingt dorthin.

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